Am 13.06.2019 schreibt die OP-Online: Der Frankfurter Oberbürgermeister „Peter Feldmann sprach bei der Gedenkfeier am Ort des Unglücks von einem ‚Helden‘. Der junge Hanauer“ Alptuğ Sözen „wollte an der Station am 13. November 2018 einen Obdachlosen aus einem S-Bahn-Gleis retten und wurde dabei selbst überfahren.“
Ich erinnere mich selbst nach fast zwei Jahren gut an den Moment, als dieses Unglück bekannt wurde. Nach dem anfänglichen Schock betete ich für die Angehörigen des verstorbenen 17jährigen Jungen und dafür, dass sein Opfer nicht umsonst gewesen sein sollte. Ich betete für den geretteten Mann, der wie sich später heraus stellte zum Zeitpunkt des Unfalls betrunken war, speziell dafür, dass sein Leben einen Wendepunkt erfahren sollte, dass er neue Perspektiven, neue Hoffnungen und neue Wege finden solle.
Nachrichten dieser Art bergen das Potenzial, über tiefe Betroffenheit hinausgehend, Menschen zu inspirieren und die Gesellschaft zu verändern. Sich an „Helden“ zu orientieren, fördert die Bildung von Tugenden und moralischen Einstellungen. Es prägt den eigenen Charakter. Darüber hinaus können Ereignisse, die in der Öffentlichkeit bekannt werden, auch im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft Veränderungen bewirken. Vielleicht kommen Ihnen dabei auch die Ereignisse des 11. September 2001 in den Sinn. Heldentaten vermögen nicht nur Einzelne dazu zu motivieren an sich selbst zu arbeiten, sondern darüber hinaus auch in einer Gesellschaft den Wunsch zu wecken menschlicher, mitfühlender und insgesamt moralischer zu handeln, nach dem Vorbild des jeweiligen Helden.
Hans Mendl unterscheidet in seinem Werk „Modelle – Vorbilder – Leitfiguren. Lernen an außergewöhnlichen Biografien“ zwischen Begriffen der Vorbilder, Modelle, Stars, Idolen, Helden, Heiligen, Local Heroes und Leitbildern und definiert diese Begriffe mit unterschiedlichen Eigenschaften und Ausprägungen des Verhältnisses zwischen Leitfigur und der dieser Leitfigur folgenden Person. Da es sich um ein religionspädagogisches Werk handelt, wird hauptsächlich die Wirkung von Leitfiguren auf Kinder und Jugendliche untersucht. Im Vergleich zum „Helden“ als Leitfigur, die hauptsächlich zur Wertebildung dient, meint der Begriff „Vorbild“ eher ein persönliches Leitbild, das zur Nachahmung und Identifikation anregt.
Da sich die Fragestellung: „Sind biblische Gestalten Vorbilder für die Gegenwart?“ nicht auf eine spezielle Altersgruppe beschränkt, möchte ich besonders die unmittelbare Wirkung von Leitfiguren auf erwachsene Personen untersuchen und die von Mendl dargestellten religionspädagogischen Prinzipien dabei im Blick behalten. Unterdessen drängen sich mir förmlich Fragen auf, wie „Welche Vorbilder haben mich persönlich geprägt?“, „Spielen biblische Gestalten eine vorbildhafte Rolle in meinem Leben?“ und „Können Personen, die vor mehr als 2000 Jahren lebten auch heute noch von Bedeutung für mein Leben im Heute sein?“.
Die erste Person, die mir in den Sinn kommt, wenn ich mich frage wer mich persönlich geprägt hat, ist meine Mutter. Sie hat wohl mit Abstand am Meisten zur Bildung meines Charakters beigetragen. Nicht nur, da sie unwahrscheinlich viel Zeit, Energie und Liebe in mich investierte, sondern weil ich beobachten konnte, wie ihr Verhalten andere Menschen beeinflusste und sie durch ihre Taten einen unmittelbaren Unterschied im Leben von anderen machen konnte. Positiv wie negativ. Ich erinnere mich gut an eine Person, für die sich meine Mutter besonders einsetzte und deren Leben sicherlich ganz anders verlaufen wäre, wenn meine Mutter nicht eingegriffen hätte. Vor einigen Jahren engagierte sie sich in der Frankfurter Bahnhofsmission und lernte über diese ehrenamtliche Tätigkeit einen jungen Mann kennen, der von Heroin abhängig war. Nachdem er bei einem kalten Entzug fast gestorben wäre, da seine Magenwand riss, versuchte er zu diesem Zeitpunkt der Sucht mittels dem Drogenersatzmittel Methadon zu entkommen. Meine Mutter erkannte sein Potential und beschloss ihn zu unterstützen, weit über ein Maß an Aufwand hinaus, das andere wohl erübrigt hätten. Die Investition lohnte sich. Dieser Mann ist nun deutlich länger clean als er abhängig war und wurde ein erfolgreicher Schauspieler und Theaterbetreiber. Die Art wie sie ihre Ehe führte hingegen, bleibt wohl ein Beispiel für mich, dem ich nicht nacheifern möchte. Mendl spricht dabei von „nahen Vorbildern“, die uns im besonderen Maße prägen und anhand deren Verhalten, wir eigene Handlungen reflektieren, bewerten und vergleichen können.
Anhand der Person Petrus gibt Mendl ein Beispiel für dialektisches Lernen auf der Grundlage einer biblischen Figur. Protagonisten sowohl des Alten als auch des Neuen Testamentes werden als Menschen dargestellt, die sowohl positive als auch negative Handlungsbeispiele geben. König David, als Repräsentant einer solchen Figur, wird in der Heiligen Schrift als „Mann nach dem Herzen Gottes“ bezeichnet, begeht jedoch Ehebruch und vertuscht dies zu allem Überfluss, indem er den Mann seiner Geliebten vorsätzlich an vorderste Front sendet um ihn los zu werden. Die Darstellung solcher Leitbilder verdeutlichen nicht nur anhand der Konsequenzen für deren Handlungen, welche Entscheidungen nicht nachahmenswert sind. Sie ermutigen mich auch dazu, mich für meine eigenen Entscheidungen nicht vorschnell zu verdammen sondern an meiner Gottesbeziehung festzuhalten und weitere Schritte im Glauben zu gehen. Biblische Gestalten, die mit Gott ringen, vom ihm abfallen, um dann von Gott aufgefangen zu werden, sind eine große Bereicherung für mein eigenes Glaubensleben.
Seit meiner Jugend versuche ich dem Vorbild Jesus Christus nachzueifern, mit zugegebenermaßen eher weniger großem Erfolg. Als Teenager trug ich ein Armband mit der Aufschrift: „W.W.J.D. – what would Jesus do?“, das mich regelmäßig daran erinnern sollte seinem Vorbild zu folgen. Wie Mendl es in Bezug auf Heilige erläutert, ist es nicht nur mühsam ein perfektes Vorbild zu imitieren, sondern auch demotivierend ein unerreichbares Ziel vor Augen zu behalten. Aus diesem Grund eignen sich aus meiner Sicht die Nachfolger Jesu, die seinen Weg mit ihm gegangen sind, besser zur Identifikation einer erwachsenen Person, mit einer entwickelten Persönlichkeit, als Jesus selbst. Ohne auf die christologischen Fragen zur Göttlichkeit Jesu einzugehen, sind Menschen „wie du und ich“ eindeutig imitierfähiger und eignen sich hervorragend dazu das eigene Verhalten zu hinterfragen, nicht zuletzt da deren Verhalten in der Schrift von Jesus reflektiert und bewertet wird.
Selbstverständlich ist jedoch der Umstand, dass sich diese Handlungen vor ungefähr zwei Jahrtausenden abgespielt hat, nicht unproblematisch in Bezug auf die Kontextualisierung zu heutigen Situationen. Nicht nur die Kultur, moralische Werte und sonstige Gepflogenheiten haben sich im Laufe der Zeit verändert. Unser Zugang zu den Lebenswelten dieser Personen ist sehr stark begrenzt. Wenn Mendl empfiehlt bei Filmen als didaktischem Mittel einer Welt-Spiegelung der damaligen Zeit auf direkte Nacherzählungen des Neuen Testamentes zu verzichten und eher Handlungsalternativen aufzuzeigen, kann ich ihm nicht zustimmen.
Ein gutes Beispiel für eine gelungene filmische Umsetzung einer neutestamentlichen Szenerie zwischen direktem Erzählstil und transformatorischen Übertragungen, stellt für mich die aktuelle Serie „The Chosen“ dar, in der sowohl auf biblische Authentizität als auch auf zusätzliches Material und weiterführende Interpretationen wert gelegt wurde. Sollte man tatsächlich auf den Versuch verzichten die Welt, in der Jesus Christus sich bewegte, nachvollziehbar zu machen, nur weil dieses Vorhaben zunächst schwer erreichbar oder gar aussichtslos erscheinen könnte? Die Aussicht auf Erfolg legitimiert meiner Meinung nach jedes Engagement in diese Richtung.
Um das von Mendl erwähnte Phänomen des „Übervertrauten“ zu umgehen, werden in der mehrteiligen Serie, die sich noch in Produktion befindet und von der bisher lediglich die erste Staffel veröffentlicht wurde, insbesondere Randfiguren aufwändig inszeniert und detailliert vorgestellt. Besonders fasziniert bin ich von der Figur des Nikodemus, der zwar nur an wenigen Stellen des Johannes Evangeliums erwähnt wird, jedoch an einer der zentralsten und bekanntesten Verse des Neuen Testamentes Gesprächspartner von Jesus ist: Joh 3.
In der Serie wird Nikodemus von Jesus aufgefordert ihm nachzufolgen, ist jedoch nicht bereit sein Leben, das er sich als einer der führenden Pharisäer aufgebaut hat, hinter sich zu lassen. Dieser innere Konflikt ist wahrscheinlich für viele Personen nachvollziehbar. Ich selbst habe mich vor mehr als einem Jahr von Jesus gerufen gefühlt. Nachdem ich mein Architekturstudium erfolgreich absolviert habe, arbeitete ich fast 10 Jahre lang in diesem Beruf, bis ein Berufungserlebnis dieses sichere und dauerhafte Verhältnis schlagartig ändern sollte. Mit mir selbst gerungen zu haben, wie Nikodemus es tat, trifft es nicht annähernd. Ich hatte Angst. Angst davor was passieren würde, wenn ich mein geregeltes Leben aufgebe. Angst vor dem finanziellen Ruin, Angst zu versagen, Angst vor Menschen und vor dem was sie zu meiner Entscheidung sagen würden. Aber auf der anderen Seite stand Jesus. Genau wie er es mit seinen Jüngern tat, erteilte er mir keinen Befehl ihm nachzufolgen. Sanft reichte er mir die Hand und zeigte mir einen Weg auf, den ich einschlagen könnte aber nicht musste. Ein Weg, der sehr ungewiss war. Weit ins Voraus konnte ich nicht blicken, aber das musste ich nicht, denn ich war gewiss, dass Jesus mich auf jedem einzelnen Schritt des Weges begleiten würde.
Genau in dieser Situation kamen mir Petrus und sein Bruder Andreas in den Sinn, die beim Fischen waren, als Jesus sie rief. Ohne zu zögern folgten sie ihm. (Mt 4,20) Unter anderem war dieses Beispiel tatsächlich ausschlaggebend für mich dem Ruf zu folgen. Andere hatten es vor mir gewagt. Auch wenn der Weg für sie nicht leicht war, bin ich überzeugt, dass sie sich niemals anders entscheiden würden als in diesem Moment. Und auch wenn meine heutige Situation absolut nicht vergleichbar mit der des Petrus ist, so weiß ich doch, dass wir dem einen unveränderlichen Gott dienen, der immer derselbe sein wird und mit dem es sich lohnt unterwegs zu sein.
Literatur: Mendl, Hans: Modelle – Vorbilder – Leitfiguren. Lernen an außergewöhnlichen Biografien, Religionspädagogik innovativ 8, Stuttgart 2015