Hast du mich lieb?

„Seid stark und euer Herz fasse Mut, alle, die ihr auf Jehova harret!“ Psalm 31,24

Mit diesen Worten schließt die Traurede eines römisch-katholischen Priesters, gespielt von Andrew Scott, in einer Sequenz aus der Serie „Fleabag“. Die Protagonistin der Serie, die in Deutschland 2017 auf Amazon Video erschien und mit sechs Emmys ausgezeichnet wurde, hat mit einem Konglomerat von Lasten zu kämpfen: der tragische Todesfall ihrer Freundin, schlecht laufende Geschäfte, eine gescheiterte Beziehung und verworrene Beziehungsverhältnisse zu ihren Familienangehörigen. Als Krönung dieser chaotischen Zustände verliebt sie sich in den Priester, der ihren Vater trauen soll. Es entwickelt sich eine komplizierte Affäre zwischen den beiden, solange bis sich der Priester gegen die Liebe und für sein Amt entscheidet. In einer unkonventionellen Predigt bei der Hochzeit des Vaters, erklärt er, dass sich Liebe nicht immer leicht anfühlen muss, um richtig zu sein. Es sei mutig das Wagnis der Liebe einzugehen und Hoffnung zu bewahren. Auf mich wirken diese Worte so, als bezöge er sich damit nicht nur auf die Liebe zwischen Menschen, sondern auch und im Besonderen auf die Liebesbeziehung zwischen einem Menschen und Gott. Seine mutige Entscheidung zur Nachfolge und treuen Ausübung seines Amtes, das er als seine Berufung und Bürde ansehen mag, ist für mich auf die Liebe zu Gott zurückzuführen.

Narrative wie diese aus der Serie „Fleabag“ erzählen eindrücklich von Erfahrungen, Umständen und Entscheidungen, die Menschen treffen. Sie dienen als Vorbild, zur Orientierung oder zur Selbstreflexion, indem wir uns mit den Narrativen identifizieren oder abschrecken lassen. Die biblischen Schriften selbst verfahren auf ähnliche Weise und können dazu anregen, sich mit den biblischen Figuren und deren Erleben auseinanderzusetzen und auf sich selbst zu beziehen. Wenn die Bibel selbst mit Erzählungen arbeitet, um didaktisch Inhalte zu vermitteln, so erscheint es mir mehr als angebracht ähnliche Verfahrensweisen zu adaptieren um biblische Themen zu vermitteln.

Die Eingangs beschriebene Szene kann aus meiner Sicht dazu dienen, verschiedene Ebenen anzusprechen, die mit Nachfolge und Beziehungen zusammenhängen. Dabei wäre mein Anliegen eine Identifikation mit biblischen Figuren zu erreichen. Beispielsweise wäre es denkbar zunächst die Berufungsgeschichte von Petrus zu lesen und mit der Berufung von Nikodemus gegenüber zu stellen. Petrus reagiert mit konsequenter Nachfolge (Lukas 5,1-11), ohne Rücksicht auf Verluste, obwohl er verheiratet ist (In Matthäus 8,14 ist von seiner Schwiegermutter die Rede). Nikodemus hingegen ist nicht bereit auf seine Stellung und das Leben zu verzichten, das er sich erarbeitet hat. Aus Johannes 3,1-2 lässt sich schließen, dass Nikodemus sehr beeindruckt von Jesus war. Trotzdem kommt er heimlich in der Nacht zu ihm und meidet die Öffentlichkeit. Später in Johannes 7,50-52 verteidigt er Jesus sogar vor den jüdischen Autoritäten und sorgt nach Johannes 19,39 für eine würdige Bestattung des Leichnams von Jesus. Mit weiterer Interpretation ließe sich auf einen inneren Konflikt des Pharisäers schließen. Fragestellungen dazu und Diskussionsgruppen könnten die Motive von Petrus und Nikodemus evaluieren.

Erst im Anschluss würde ich die Szene aus „Fleabag“ („Fleabag – Wedding speech by The Priest“ https://youtu.be/yZbV-bZdmFY – Stand 25.11.2022) zeigen, um damit eine Verbindung zur heutigen Berufung von Personen herzustellen. Die Reflektionsfragen zu Petrus und Nikodemus, könnten sich dann auch auf den Priester der Serie beziehen. Berufung und Nachfolge sind gewiss nicht auf Personen beschränkt die geistliche Ämter ausüben. Je nach Zielgruppe der didaktischen Einheit kann ein weiteres Beispiel eingeführt werden.

Mit Johannes 21 wäre schließlich die Beziehung eines Menschen zu Gott aufzugreifen, die Ursprung und Ziel von Berufung ist: „17 Er spricht zum dritten Mal zu ihm: Simon⟨, Sohn⟩ des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, dass er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alles; du erkennst, dass ich dich lieb habe. Jesus spricht zu ihm: Weide meine Schafe! […] Und als er dies gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!“

Eine Liebesbeziehung zu Gott ist aus christlicher Sicht möglich, weil Gott die Menschen zuerst geliebt hat (Johannes 3,16). Gott entäußerte sich und wurde selbst Mensch. Er wurde Kind in einem Stall und ging damit zutiefst menschliche Beziehungen ein. Die natürliche, angeborene Beziehung zu seiner Mutter, zu seinem Vater, zu Geschwistern. Später kamen Beziehungen hinzu, die er selbst angestrebt hat. Er wählte sich Personen aus, die zu seinem engsten Kreis gehören sollten. Dabei achtete er nicht auf Stellung in der Gesellschaft, Reichtum oder andere Errungenschaften. Durch die Berufung von Petrus wird sogar deutlich, dass er sich nicht einmal aufgrund von Integrität oder Treue für die Personen entschied. Jesus selbst kündigte Petrus an, dass er ihn dreimal verleugnen würde und so geschah es.

Genauso wählt Gott auch heute Personen aus, die fehlbar und verführbar sind. Der Priester in der Serie entscheidet sich zwar für seine Nachfolge, jedoch nicht ohne vorher zu fallen und sein Amt zu verleugnen. Genau dafür steht die Botschaft vom Kreuz. Menschen, die Gott nachfolgen, müssen nicht perfekt sein. Sie gehen eine Beziehung ein, die Höhen und Tiefen hat. Nachfolger von Christus, die Christen, schauen dabei auf das Kreuz und wissen: „mir ist vergeben“, der Weg zu Gott ist frei.

Was also ist die angemessene Antwort auf Gottes Frage: „Hast du mich lieb?“ Für Petrus bedeutet Nachfolge „die Schafe zu weiden“. Für den Priester bedeutet es im Zölibat zu leben. Der Weg ist individuell, wie Beziehungen und Menschen selbst. Die Erzählung von Nikodemus zeigt: Gott lässt die Freiheit zu entscheiden, ob wir dem Ruf der „Be-RUF-ung“ antworten oder nicht. Er fragt: „Hast du mich lieb?“

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