Ich bitte euch nun, liebe Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes: Bringt euren Leib dar als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer – dies sei euer vernünftiger Gottesdienst! (Röm 12,1)
In Frankfurt am Main liegt der Anteil aktiver Gottesdienstbesucher im Verhältnis zu Mitgliedern der EKHN bei nur einem %.[1] Woran liegt es, dass eine Beteiligung so gering ist? „Evangelischer Gottesdienst ist Gott-menschlicher Wortwechsel“, so wurde im Anschluss an Luther formuliert.[2] Doch reicht alleine die Verkündigung des Evangeliums aus, um Besucher anzuziehen? Was macht einen Gottesdienst anziehend?
Die globale Pandemie hat seit Anfang 2020 nicht nur den Lebensalltag der meisten Menschen verändert. Ein tiefgreifender Wandel lässt sich in den unterschiedlichsten Bereichen verzeichnen, bis hin zur gottesdienstlichen Praxis, die nunmehr von Hygienekonzepten beeinflusst wird.
Wo Menschen zuvor Seite an Seite saßen oder standen, um Gott gemeinsam anzubeten – in Form von gemeinschaftlichem Gesang, Fürbitten, vom Hören der Predigt und der gemeinsamen Abendmahlsfeier – da ist heute Abstand halten das Gebot, Maskentragen und der Schutz vor Ansteckung spielen eine große Rolle.
Begonnen mit dem Ausfall der Begrüßung, über weggefallenes gemeinsames Essen nach dem Gottesdienst, bis hin zu Ortswechsel unter freiem Himmel sind die Veränderungen deutlich wahrnehmbar.
Augenscheinlich beeinflusst selbst die Bestuhlung ein Erleben des Gottesdienstes. Anstelle von Sitzreihen, finden sich einzeln angeordnete Stühle, die einem Besucher das Gefühl vermitteln sich alleine in einem großen Raum zu befinden. Welchen Einfluss hat dann erst die Gestaltung des sakralen Raumes als Gesamtes? Gibt es eine Wechselwirkung zwischen räumlicher und liturgischer Ordnung im Gottesdienst?
Ein kurzer Abriss der historischen Entwicklung und eigene Beobachtungen der aktuellen Gottesdienstpraxis verschiedener christlicher Konfessionen, sollen zu Handlungsempfehlungen führen.
- Die Theologische Rolle in der Architektur von Sakralbauten
Ein Paradigma für die emotionale Wirkung eines Raumes, ist der sogenannte Holocaust-Turm im jüdischen Museum Berlin, entworfen von dem amerikanischen Architekten Daniel Libeskind. Dieser Raum kann enorme Beklemmungen auslösen, wenn man ihn betritt. Es handelt sich um einen isolierten Gebäudesplitter, der nur über einen unterirdischen Gang erreichbar ist. Jener konisch zulaufende Korridor mündet in einen unbeheizten engen, aber hohen Betonschacht, der schallisoliert und nicht beleuchtet ist. Einzig durch einen schmalen Schlitz im Dach des Raumes dringt etwas Tageslicht, dass jedoch den unteren begehbaren Bereich des Turmes kaum erreicht. Dieser von Exponaten befreite Raum kann eine eindrucksvollere Wirkung auf den Besucher haben als die Ausstellung des Museums selbst.
Wer bereits einen gotischen oder romanischen Sakralbau betreten hat, wird das Gefühl nachempfinden können, aufgrund einer räumlichen Gestaltung von plötzlicher Ehrfurcht ergriffen zu sein. Mehr oder weniger unbewusst wirken die imposanten Schiffe dieser Kirchen, aufgrund ihrer Raumhöhe, Weite und massiven Säulen, auf Eintretende. Der in Rippengewölben sichtbar werdende Lastabtrag des Daches vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und zur gleichen Zeit der Verlorenheit inmitten eines so großen Raumes, in dem der Besucher unterzugehen scheint.
- A – Sakrale Architektur in vorchristlicher Zeit
Bereits zu alttestamentarischen Zeiten wurden sich solche Phänomene zu nutzen gemacht. Die ersten sakralen Räume biblischen Zeugnisses, waren einfache Altäre (Gen 12,7). Ein Bauplan der Stiftshütte wird Mose von Gott eingegeben (Ex 25-30), einem transportablen Zelt, das als Heiligtum und Ort der Begegnung zwischen Gott und den Menschen dienen sollte. Später fungierte die Stiftshütte dem salomonischen Tempel in Jerusalem als Vorbild (1. Kön 6 f.). Im 10. Jh. v. Chr. wird durch die Architektur dieses Gebäudes eine Heiligkeit und Unnahbarkeit Gottes in Form eines Langraumtempels mit einem besonderen Seitenverhältnis (1:3) im Vergleich zur Zeit seiner Errichtung üblichen Bauweise ausgedrückt. Auf diese Weise wird die Beschreibung Gottes aus Passagen des Tanach, wie beispielsweise Ex 19,12; 2. Sam 6 oder Jes 6,5, räumlich visualisiert.[3]
Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Tempelbauten nicht zur Versammlung und Feier von Gottesdiensten im heutigen Sinne konzipiert waren. Von gegenwärtigen Bräuchen auf die Vergangenheit zu schließen, wäre fatal. Zur damaligen Zeit war der Tempel ein Ort zur Ausübung individueller oder auch gemeinschaftlicher Anbetungsformen durch Weihegaben, Opferungen und anderer Rituale. Durch die räumliche Gestaltung wurden solche Rituale in ihrer atmosphärischen Wirkung unterstützt.
Bei der Stadtplanung im Mittelalter lässt sich beobachten, dass Straßen und Wege bewusst nicht geradlinig angelegt wurden, sondern Kurven und Knicke beschreiben, um dem Passanten eine Perspektive auf die am Wegesrand befindlichen Fassaden zu ermöglichen.
Der für die Weltausstellung 1929 von Ludwig Mies van der Rohe entworfene Barcelona-Pavillon gehört zu den bekanntesten Beispielen der Bauhaus-Architektur und illustriert ineinanderfließende Räume, sowie durch die Raumgestaltung gezielt geführte Blickachsen und Wegeführungen. Durch die Anordnung von Wandscheiben wird der Besucher immer wieder gezwungen, seinen Blick und seine Bewegungsrichtung zu ändern. Mies van der Rohe macht sich also ein ähnliches Phänomen zunutze, indem er Wandscheiben so anordnet, dass ein Besucher des Pavillons immer wieder die Richtung und die Perspektive ändern muss. Er führt somit bewusst den Blick des Betrachters.
Ähnliche Phänomene finden sich bei der Gestaltung des salomonischen Tempels. Während die Blickachse vom Tempeleingang zum Kultbild erhalten bleibt, wird die Wegeführung vom Eingang bis zum Standort des Gottesbildes verändert. Ein direkter, geradliniger Gang dorthin ist nicht länger möglich, da ein Podium, auf dem sich vermutlich Opferungen abspielten, diesen Weg blockiert. Der Anbeter wird gezwungen um dieses Podium herum zu gehen. Dabei verändert sich seine Blickrichtung und er nimmt den Raum aus unterschiedlichen Perspektiven wahr.
- B – Sakrale Architektur in nachchristlicher Zeit
In der Apostelgeschichte lesen wir von den ersten christlichen Zusammenkünften in Privathäusern, die für gemeinsame Gebete, Malfeiern und Taufen dienten. Die Gemeinschaft der Gläubigen, die Versammlung selbst, verstand sich als Tempel Gottes (1. Kor 6f., Eph 2,21). Gebäude wurden nicht nach dem Vorbild des Jerusalemer Zentralheiligtums, sondern nach Zweckmäßigkeit errichtet und wurden „Ekklesia“ genannt (gr. Versammlung).[4] Auch heute noch wird der Begriff „Gemeindebau“ nicht nur baulich verstanden, sondern eher gemeindepädagogisch.
Zur Zeit der konstantinischen Wende entstanden staatskirchliche Präsentationsbauten, die Elemente des oströmischen Kaiserkultes aufwiesen. Die „Basilika“ mit Altar und Apsis, dem Sitz des Bischofs, als zentrale Elemente, sind vorherrschend. Demnach sind Einflüsse anderer Kulte wahrnehmbar und die Raumgestaltung folgt nicht allein theologischen Prämissen.
Dass die Liturgie maßgeblich die bauliche Form einer Kirche beeinflusst, lässt sich am Beispiel des Zusammenhangs zwischen Chrysostomos-Liturgie und orthodoxer Sakralarchitektur erkennen. Durch die dramaturgische Überhöhung des Kultes, entstand die Ikonostase, eine hochaufragende Bilderwand, die den Klerus vom Rest der anwesenden Gemeinde trennte.[5] Diese räumliche Trennung erinnert an die Stiftshütte und den salomonischen Tempel, in denen das Allerheiligste als Ort der Begegnung Gottes den Priestern vorbehalten war. In römisch-katholischen Sakralräumen finden sich häufig Lettner, Chorschranken, die den Altarraum vom Besuchsraum trennen.
Vergleicht man moderne Kirchen und beispielsweise Sakralbauten aus der Gotik oder Romanik, so werden gravierende Unterschiede schnell deutlich.
Die Betonung von Höhe, die Ausdehnung der Räume und die Massivität in der Konstruktion weichen in der Moderne einer Betonung der Gemeinschaft in der Gemeinde. Eine gemeinsame Ausrichtung auf Gott zur Anbetung wird durch breitere Räume deutlich, die auf einen zentralen Punkt ausgerichtet sind und dennoch Blickbezüge zwischen den Besuchern zulassen. Der Altar rückt zur Reformationszeit eher in die Mitte des Raumes, um die Nähe zu den Besuchern herzustellen, die auch Jesus selbst beim Abendmahl an den Tag legte. Die theologische Bedeutung und Akzentuierung wird somit in der Architektur und Gestaltung der Räume sichtbar.
Durch die Reformation kehren sakrale Raumkonzepte zur Funktionalität der frühen Christengemeinden zurück. Luther legt den Psalm 118 folgendermaßen aus:
„.. er wonet, wo sein wort ist, Es sey auff dem felde, inn der kirchen, oder auff dem meer, widderumb, wo sein wort nicht ist, da wonet er nicht, ist auch sein haus nicht da, sondern der teuffel wonet daselbs, wenns auch gleich eine gülden kirche were, von allen Bischoven gesegnet.“[6]
Von in den 60er- und 70er Jahren üblichen multifunktionalen Raumgestaltung, mit flexibler Bestuhlung und beweglichen Prinzipalstücken, wie Altar, Kanzel und Taufbecken, wird aktuell abgesehen.[7] Es kann ein Einschlag zur Resakralisierung beobachtet werden, was eine rückläufige Entwicklung kenntlich macht.
2. Teilnehmende Beobachtung
Um die gottesdienstliche Praxis verschiedener Konfessionen miteinander zu vergleichen und eine Bewertung zu ermöglichen, werden die nachfolgenden Fragen beantwortet:
Wie ist der Raum gestaltet? Was ist in Bezug auf Belichtung, Bestuhlung, Wegeführung und Weiteres augenfällig? (1)
Inwiefern wird der Gottesdienstablauf, unter anderem mit Blick auf die Begrüßung, den Empfang und die Gestaltung des Abendmahls, von der Raumgestaltung beeinflusst? (2)
Wie gestaltet sich die Interaktion der Gottesdienstbesucher untereinander und mit der Gottesdienstleitung? (3)
Welche Atmosphäre ist im Raum spürbar? Wie zeichnet sich das im Verhalten teilnehmender Personen ab? (4)
Und schließlich, wo gibt es Verbesserungspotential aus subjektiver Sicht? (5)
Dreikönigskirche (Evangelische Kirche in Hessen und Nassau)
(1) Die evangelisch-lutherische Dreikönigsgemeinde ist eine neugotische Hallenkirche aus rotem Mainsandstein. Sie erinnert mit ihren getreppten Strebepfeilern, den Spitzgiebeln auf den Seitenschiffen und der einturmigen Westfassade an süddeutsche Stadtkirchen des 15. Jahrhunderts, entstand aber Ende des 19. Jahrhunderts. Im Inneren öffnet sich das Hauptportal der Kirche im Westturm zu einem kleinen Platz. Das Hauptschiff erstreckt sich über fünf Joche. Die drei vorderen Joche werden von Seitenschiffen mit mächtigen Sandsteinemporen flankiert. Die Emporen ruhen auf gedrückten Korbbögen, ihre Brüstungen sind mit einem filigranen Maßwerk verziert. Während diese Stilelemente ebenso wie das Netzgewölbe des Hauptschiffes und des 5/8-Chores der Formensprache der Spätgotik entnommen sind, gehören die altertümlichen Rundpfeiler einer früheren Epoche an.
(2) Zu Pandemiezeiten warten im westlichen Vorraum zwei Personen, die die Daten der Besucher aufnehmen. Eine persönliche und freundliche Begrüßung ist somit möglich. Besonders für Erstbesucher eine gute Gelegenheit zur Orientierungshilfe. Da die Sitzbänke alle zum Altar hin ausgerichtet sind, gestaltet sich die Platzwahl nur nach Nähe bzw. Entfernung zum Ort des Geschehens. Die Lehnen der Sitzbänke sind so hoch, dass man darin Schutz vor Blicken von außen findet und sich gut auf sich selbst konzentrieren kann, ohne abgelenkt zu werden. Den größten Teil der Liturgie verbringen die Besucher am eigenen Platz. Um das Abendmahl zu feiern, wird dazu eingeladen nach vorne in den Altarraum zu treten, auf eine mehrstufige Empore, was einen radikalen Ortswechsel bedeutet, von der Sicherheit der Bänke zu einer exponierten Position. Die am Abendmahl teilnehmenden verteilen sich in einem Kreis um den Altar herum. Der Pfarrer und ein Mitglied des Kirchenvorstandes teilen Hostien und Traubensaft aus und sprechen den Empfängern dabei individuelle Verse zu. Durch die kreisförmige Anordnung kann dabei jeder auch die anderen Teilnehmenden wahrnehmen und es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Bevor sich die Gruppe auflöst und wieder auf die einzelnen Plätze begibt, wird noch ein Segen gesprochen.
(3) Die Abschirmung durch die hohen Sitzbänke, vermittelt das Gefühl den Gottesdienst für sich erleben zu können. Bei einzelnen liturgischen Elementen, wie dem Glaubensbekenntnis stehen die Besucher gemeinsam auf und nehmen sich stärker als Gemeinschaft war. Nach dem Gottesdienst begeben sich Pfarrer und Kirchenvorstandsmitglieder nach draußen vor den Eingang, um die Besucher zu verabschieden und sich für persönliche Gespräche zur Verfügung zu stellen.
(4) Bereits beim Eintritt in den sakralen Raum ist die Ruhe und Stille im Raum vorherrschend. Es wird nicht gesprochen und auch andere Geräusche werden vermieden. Die Gelegenheit ganz auf sich und Gott fokussiert zu sein, kann als Privileg gegenüber nicht sakralen Räumen empfunden werden.
(5) Selbstverständlich ist eine objektive Beurteilung kaum möglich. Die Wahrnehmung der Geschehnisse und das Empfinden sind so individuell, dass es kein „Universal-Rezept“ geben kann. Für die Besucher, größtenteils fortgeschrittenen Alters, schienen mir die Vorgehensweisen und die Gestaltung der Räume adäquat zu sein.
Evangelische Luthergemeinde (Evangelische Kirche in Hessen und Nassau)
(1)Die 1893 eingeweihte Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.Nach den Plänen von Ernst Görcke, Oberbaurat des Evangelischen Regionalverbandes, wurde der Kirchturm wiederhergestellt und ein neues Kirchenschiff im Baustil der 1950er Jahre angebaut. Links und rechts des Turmes wurde bei einem weiteren Ausbau in den Jahren 2002 bis 2004 je ein mehrstöckiger Glaskubus zugefügt, in dem Gruppenräume, ein Büro und eine Küche untergebracht sind. So entstand bis vor wenigen Jahren ein interessanter architektonischer Mix verschiedener Epochen.
Der Kirchenraum vermittelt einen einschiffigen Eindruck, obwohl die Wände rings um von freistehenden, dünnen Stützen begleitet werden. Unmittelbar unter dem flachen Dach befindet sich ein umlaufendes Fensterband. Das Kirchenschiff weist die klassische Form auf und mündet in einem halbrunden Chor. Hier befindet sich der wuchtig in dunklem Lahnmarmor gestaltete und um sechs Stufen erhöhte Altarbereich. An der Westseite des Kirchenschiffs befindet sich die Empore mit der Orgel. Zahlreiche Buntglasfenster, darunter acht Rundfenster mit Motiven, die an die Seligpreisungen erinnern sollen, prägen das Licht im Gottesdienstraum.
(2) Auch hier wird zu Pandemiezeiten Datenerfassung im Vorraum betrieben. Anders als in der Dreikönigskirche sind die Sitzbänke nicht alle in eine Richtung organisiert, sondern dem halbrunden Chorraum entsprechend zugewandt, die mittleren Reihen sind gerade auf den Alter hin ausgerichtet, während die äußeren Reihen schräg gestellt sind, sodass alle Blicke auf den zentralen Punkt hingelenkt werden, und gleichzeitig Blickbezüge zwischen den Sitzreihen ermöglicht werden. Durch diesen Sachverhalt und den insgesamt sehr hellen und offenen Raum wird eine ganz andere Wirkung erzielt, als es in der Dreikönigskirche der Fall ist. Das gemeinschaftliche Erleben steht deutlicher im Mittelpunkt. Aufgrund der Pandemie wird zum Zeitpunkt der Beobachtung jedoch kein Abendmahl gefeiert.
(3) In der Lutherkirche wird viel Wert auf die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes gelegt. Weitgehend ist jedoch die Liturgie mit der Dreikönigskirche vergleichbar, weshalb auf eine Wiederholung des Berichts verzichtet werden kann.
(4) Die Atmosphäre ist jedoch nicht vergleichbar. Der helle Raum und die einander zugewandten Sitzreihen, bewirken eine Haltung, die weniger introvertiert ist. Möglicherweise wird ein Besucher dort weniger frei die Augen schließen und die Hände zum Gebet erheben, aus dem Gefühl heraus beobachtet zu werden. Augenfällig ist auch, dass sich deutlich jüngere Gottesdienstteilnehmer finden, als in der Dreikönigskirche.
(5) Auch hier kann eine Bewertung nur äußerst subjektiv ausfallen. Das gemeinschaftliche Erleben könnte aus meiner Sicht jedoch noch stärker betont werden.
Liebfrauenkirche (Römisch-Katholische Kirche und Kapuziner Kloster)
(1) Die Liebfrauenkirche entstand zu Beginn des 14. Jahrhunderts als Bürgerstiftung im gotischen Stil. Der Zugang zur Kirche befindet sich im Innenhof des Klosters. Es ist ein Ort der Stille innerhalb der ansonsten belebten Innenstadt von Frankfurt. Bereits hier, umgeben von den sakralen Gebäuden, ist die besondere Atmosphäre spürbar, die Ruhe überträgt sich. Gottesdienstbesucher betreten die Räumlichkeiten über einen Kreuzgang. Nach dem Eingang stehen Weihwasserbehälter bereit, vermutlich um sich für die Zeremonien selbst zu segnen und zu reinigen. Kirchenbänke mit Knievorrichtung sind zum Altar hin ausgerichtet. Der Raum ist geschmückt mit Abbildungen und Statuen von Heiligen, die teilweise an biblische Szenen erinnern.
(2) Bevor der Gottesdienst beginnt und sich die Besucher einen Platz suchen, wird am Eingang zur Sitzbank mit Blick zum Altar ein Knie gebeugt und ein Kreuzzeichen vor der Brust mit der Hand ausgeführt. Die Handlungen erinnern daran, dass ein heiliger Ort betreten wird. Die meisten Besucher sprechen nicht und sind ganz auf sich selbst, ihr Erleben der Umgebung und die bevorstehenden Ereignisse im Gottesdienst konzentriert.
Während der Liturgie werden unterschiedliche Körperhaltungen eingenommen. Die Sitzbänke ermöglichen es, zwischen knien, sitzen und stehen abzuwechseln. Zum Beten heben die Besucher entweder ihre Hände mit den Handflächen nach oben zeigend oder falten die Hände vor ihrer Körpermitte. Zur Einnahme des Abendmahls treten die Besucher einzeln nach vorne und empfangen Hostien. Hier spielen symbolische Einrichtungsgegenstände eine große Rolle. Während der Prozedur gibt es die Möglichkeit am eigenen Platz zu beten und die Unterbrechung der Liturgie zur eigenen Besinnung zu nutzen.
(3) Der Priester leitet die Gemeinde an. Gottesdienstbesucher antworten mit gesprochenen oder gesungenen Formeln. Es wird gemeinsam gesungen. Durch die uniformierten Handlungen wird das individuelle Erleben zu einer Erfahrung der zeitlich unveränderten Einheit unter den Glaubenden dieser Konfession.
(4) Viele traditionelle Rituale tragen dazu bei, in einen fast meditativen Zustand zu kommen. Weihrauch und Kerzenschein regen zusätzlich den olfaktorischen Sinn an. Die Atmosphäre ist geprägt von einer ergreifenden Feierlichkeit.
(5) Was mir fehlt ist die persönliche Ansprache. Ein Austausch untereinander wird kaum gefördert. Sowohl das Glaubensbekenntnis als auch Gebete schließen andere Konfessionen nicht mit ein, was einerseits eine besondere Exklusivität ausdrückt, aber nicht besonders einladend auf Besucher wirkt. Die Gestaltung der Räume harmoniert mit der Gestaltung des Gottesdienstes.
St. Markus Gemeinde (koptisch-orthodoxe Kirche)
(1) Die Kirche und das Gemeindezentrum befinden sich im ehemaligen Bürgertreff Käthe-Kollwitz-Haus im Wohnviertel Industriehof des Stadtteils Frankfurt-Bockenheim. Der von der städtischen Saalbau GmbH errichtete Bau war 1963 als seinerzeit siebtes Frankfurter Bürgerhaus eröffnet worden. Wegen Unrentabilität wurde das Gebäude 1998 an die koptisch-orthodoxe Gemeinde Frankfurt verkauft, die bis 1997 in einer evangelischen Kirche zu Gast war. Ein Teil wird jedoch nach wie vor als städtischer Kinderhort genutzt.
Auffallend im Innern des ansonsten schlichten Flachbaues ist die reich verzierte und bunt bemalte Ikonostase, die den Altarbereich vom inneren Kirchenschiff abtrennt. Der Gottesdienstraum selbst ist von geraden Linien und Einfachheit geprägt.
(2) Um das Abendmahl einzunehmen, wird, dem Beispiel der Stiftshütte folgend, ein abgesonderter Raum betreten, der sich hinter der Ikonostase befindet. Um die Heiligkeit des Ortes zu betonen, werden die Schuhe vor dem Eintritt abgelegt. Frauen und Männer verwenden jeweils einen eigenen Eingang der sich rechts bzw. links am Raumende befindet. Auch die Sitzordnung während des Gottesdienstes folgt dieser Unterscheidung in rechter und linker Hälfte des Raumes. Die gesprochenen und gesungenen Texte, abgesehen vom Predigttext, werden auf einem Bildschirm in koptischer, arabischer und deutscher Sprache angezeigt, so dass Besucher während des Gottesdienstes mitlesen und verstehen können. Nach dem Gottesdienst wird, zu nicht pandemischen Zeiten, ein Agape-Mahl eingenommen, was ein gemeinschaftliches Mittagessen bedeutet.
(3) Die Liturgik ähnelt dem römisch-katholischen Gottesdienst. Immer wieder spricht oder singt der Abuna (Priester) oder die Messdiener einen Teil und die Gemeinde antwortet darauf. So entsteht ein ständiges Zwiegespräch.
(4) Durch viele regelmäßige Angebote außerhalb der sonntäglichen Gottesdienstfeier in den Gemeinderäumlichkeiten ist eine gewachsene Gemeinschaft und familiäre Atmosphäre spürbar. Der Umgang miteinander ist sehr herzlich und offen.
(5) Für mich persönlich ist es befremdlich, dass zwischen den Geschlechtern so stark unterschieden wird. Frauen dürfen nicht öffentlich lehren, spielen im Gottesdienst keine leitende Rolle und tragen zumeist auch eine Kopfbedeckung während der Liturgie und des Abendmahls. Objektiv betrachtet soll diese Trennung eine Fokussierung auf die Interaktion mit Gott ermöglichen. Mich hat es eher davon abgelenkt, weil mir die Praxis fremd ist. In Bezug auf die Raumgestaltung wird sehr viel Wert auf unterstützende Symbolik gelegt.
Move Church (Freikirche mit Nähe zum Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden)
(1) Das mainhaus Stadthotel Frankfurt handelt im Sinne von Adolph Kolping weltoffen und multikulturell. Er hat Menschen über alle Konfessionen hinweg verbunden – sein Anliegen war die Reduktion auf das Wesentliche. Dem entspricht auch die Architektur des Gebäudes, klar und puristisch. Der Zutritt zum eigentlichen Gottesdienstraum wird durch eine Sichtschutzwand umgeleitet, sodass der Besucher um die Wand herumgehen muss, bevor er die Bühne, als Zentrum des Geschehens, sehen kann. Die Stuhlreihen sind alle zur Bühne ausgerichtet, in geraden Reihen (in Zeiten von Covid zu je zweier- und vierer-Sitzgruppen), so dass alle Blicke nur zur Bühne, nicht zu den übrigen Gottesdienstbesuchern ausgerichtet sind. Der Raum ist abgedunkelt und gezielt beleuchtet. Es gibt diverse Beleuchtungsmodi, die voreingestellt sind und zu verschiedenen Szenarien im Gottesdienst per Knopfdruck abgerufen werden können. Während des Gottesdienstes ist der ansonsten helle Konferenzraum kaum wiederzuerkennen. Sonntag für Sonntag wird eine enorme Anstrengung unternommen den Raum und die Bühne vorzubereiten und technisch auszurüsten.
(2) Ein „Welcome-Team“ begrüßt die Besucher bereits vor Eintritt in das Gebäude und heißt sie herzlich willkommen. Überall stehen freundliche, ehrenamtliche Mitarbeiter, die Plätze zuweisen, Getränke verteilen und sich mit neuen Besuchern unterhalten. Zu diesem Zweck gibt es ein Foyer, einen Begrüßungsraum. Der eigentliche Gottesdienstraum wird erst kurz vor Beginn der Feier geöffnet. Es wird ein „Countdown-Video“ gestartet, das die verbleibende Zeit bis zum Beginn der Gottesdienstfeier anzeigt und bereits stimmungsvolle Musik und bewegte Bilder im Saal verbreitet. Dann beginnt die Band unter Jubel und Applaus zu spielen. Es werden moderne, teilweise selbst komponierte Lobpreislieder gesungen. Alles spielt sich auf der Bühne ab. Der Gottesdienstbesucher hat dadurch – auch begünstigt durch die Dunkelheit und die Lautstärke im Besucherraum – das Gefühl, Beobachter zu sein und gleichzeitig unbeobachtet teilnehmen zu können, sich fallen zu lassen. Ca. 10 Minuten vor Ende der Predigt setzt sanfte Keybordmusik ein, um den Sprecher dramaturgisch zu unterstützen. Im Sonntagsgottesdienst wird kein Abendmahl gefeiert. Es ist bei besonderen Festgottesdiensten oder Hauskreisen vorgesehen.
(3) Das Publikum wird gezielt in Form einer Moderation durch den Gottesdienstablauf begleitet. Auch neue Besucher haben so die Möglichkeit problemlos dem Ablauf zu folgen und sich nicht „verloren“ zu fühlen. Es herrscht ein wertschätzender Tonfall zwischen den Akteuren auf der Bühne. Die Besucher klatschen und rufen an gewissen Stellen der Predigt. Die Lieder werden laut mitgesungen, es wird geklatscht und teilweise sogar getanzt. Die Resonanz des Publikums ist also vergleichsweise hoch.
(4) Es herrscht „Club-Atmosphäre“, erinnert an eine Diskothek, auch durch die laute Musik und die jungen Besucher. Die Stimmung ist von einer Ausgelassenheit geprägt. Betont wird das Gemeinschaftsgefühl.
(5) Der ganze Ablauf und die Raumgestaltung wirkt sehr inszeniert und geplant, fast manipulativ, was stärker auffallend ist als bei traditioneller Gottesdienstgestaltung, da die Gewohnheit nicht gegeben ist. Wenn man die Intentionen der am Gottesdienst mitwirkenden nicht kennt, könnte das besorgniserregend sein. Ich war jedoch bereits oft bei der Vorbereitung solcher Gottesdienste zugegen und kann berichten, dass der Raum und die Atmosphäre nicht nur durch Technik und Inszenierung, sondern vor allem im Gebet vorbereitet wird. Das Ziel der Mitarbeiter ist es, durch den Einsatz von Technik und Gestaltung, das Wirken Gottes im Raum zu unterstützen. Eine Beurteilung, ob das theologisch unbedenklich ist, will ich mir an dieser Stelle nicht anmaßen.
3. Resümee
Was ein „vernünftiger“ Gottesdienst sei, darauf gibt Röm 12,1 eine herausfordernde Antwort. Meine ursprüngliche Frage danach, was einen Gottesdienst für Besucher anziehend macht, ist bei weitem nicht so umfassend angelegt und trotzdem scheint eine Antwort im Zusammenhang mit der Raumgestaltung komplexer auszufallen als ich zunächst angenommen hatte.
Im Laufe der Betrachtung historischer Entwicklungen, sowie aktueller Praxis verschiedener Konfessionen, schien es mir wichtig zu werden, Gottesdienstteilnehmer in den Fokus zu nehmen, um Abläufe und Gestaltung auf die „Zielgruppe“ abzustimmen. Für mich ist erkennbar, dass zu jeder Zeit nicht nur theologische Konzepte, sondern auch die gegebenen kulturellen Umstände auf die Gestaltgebung der sakralen Räume und Gottesdienstabläufe einwirkten. Aktuell ist dies am Beispiel der gängigen Praxis in der Move Church in der deutlichsten Form ablesbar. Hier werden zeitgemäße Gestaltungselemente aus sekulären Versammlungen, wie Konzerten oder anderen Veranstaltungen, auf den Gottesdienst angewendet. Demgegenüber scheint die Praxis orthodoxer und römisch-katholischer Gemeinden sich nahezu kaum zu verändern und den Bedürfnissen heutiger Charaktere nicht anzupassen. Wobei auch hier eine Entwicklung, angefangen bei Steinaltären über Tempel und urchristlicher Zusammenkünfte, stattgefunden hat. Die Reformation hat mehrere Jahrhunderte später eine neue Trendwende gebracht. Der lutherische Ansatz auf gestalterische Elemente weitgehend zu verzichten und das Wort Gottes selbst wirken zu lassen, richtet das Augenmerk weg von den Gottesdienstteilnehmern hin zu Gott selbst, dem der „Dienst“ gewidmet sein soll.
Es kristallisiert sich eine theologische Frage heraus, die weit mehr Aufmerksamkeit verdient als ein kurzer Projektbericht Möglichkeit bietet. Handlungsempfehlungen, wie etwa den Gottesdienst und die Räume, in denen er stattfindet, nach den Bedürfnissen von Besuchern zu entwerfen, scheinen mir ob der komplexen Aufgaben nicht zufriedenstellend. Vielmehr sollten die Ausrichtung und der eigentliche Zweck definiert werden. Geht es darum eine höhere Quantität an Besuchern zu erzielen, dann scheint die Move Church auf dem richtigen Weg zu sein. Die Teilnehmerzahlen steigen hier stetig an. Geht es um die Qualität, im Sinne einer Abgrenzung zum Sekulären, dann scheint die Orthodoxe Kirche, zumindest im Blick auf Ursprünglichkeit und überlieferte Traditionen, adäquat zu handeln. Unbeabsichtigt sind meine Beobachtungen in der Reihenfolge festgehalten, wie sie mit aufsteigenden Besucherzahlen konform ist. Für mich steht zum Ende jedoch diese Frage nicht mehr, so wie zu Beginn, im Vordergrund. Theologisch wäre vielmehr zu diskutieren, inwieweit überhaupt durch Gestaltungsmaßnahmen unterstützt werden sollte, ohne Gottes Handeln und Wirken selbst damit einzuschränken und darüber den klaren Missionsauftrag aus Mt 28,19-20 nicht außer Acht zu lassen.
„Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr prüfen möget, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist.“ Röm 12,2
[1] vgl. Heinrich Bedford-Strohm and Volker Jung, Vernetzte Vielfalt. Kirche Angesichts von Individualisierung Und Säkularisierung. Die Fünfte EKD-Erhebung Über Kirchenmitgliedschaft (Gütersloh, 2015).
[2] Alexander Deeg, Das Äußere Wort Und Seine Liturgische Gestalt. Überlegungen Zu Einer Evangelischen Fundamentalliturgik. (Göttingen, 2012). 455
[3] vgl. Wolfgang Zwickel, “Der Salomonische Tempel Und Seine Wurzeln – Die Geschichte Der Tempel,” Welt Und Umwelt Der Bibel – Archäologie – Kunst – Geschichte Nr. 13-3, no. Tempel (1999): 22–25. 25
[4] vgl. Thomas Klie, “Gottesdienst Im Raum,” in Liturgisches Kompendium (Vandenhoeck & Ruprecht, 2003), 260–81. 262
[5] vgl. ebd.
[6] Klie, “Gottesdienst Im Raum.” 264
[7] vgl. Klie. 266