„In unserer Kirche haben alle Menschen Zugang zu allen Ämtern. Denn Menschenrechte und Grundgesetz garantieren allen Menschen gleiche Rechte – nur die katholische Kirche ignoriert das. Mannsein begründet heute Sonderrechte in der Kirche.“ So lautet die erste von sieben im Februar 2021 veröffentlichten Thesen der Frauen-Bewegung „Maria 2.0“, die nach dem Vorbild Martin Luthers zur Reform der Kirche aufrufen wollen.
Die Gleichstellung von Mann und Frau ist in unserer Gesellschaft weit vorangeschritten, wenn auch noch nicht bis zur letzten Konsequenz. Unverkennbar ist jedoch, dass die Stellung der Frau in christlichen Kirchen eklatante Diskrepanzen zur Stellung des Mannes aufweist und damit dem Fortschritt in der Gesellschaft hinterherhinkt. Hier muss unbestritten unter den verschiedenen christlichen Konfessionen unterschieden werden. Modern gestaltete und nach außen liberalistisch und aufgeklärt wirkende Freikirchen sind dabei häufig rückständiger in dieser Entwicklung, als es die evangelischen Landeskirchen sind. Sowohl in der römisch-katholischen Kirche, als auch in den verschiedenen orthodoxen Kirchen sind Frauen bis heute nicht zum Priesteramt zugelassen.
Nach Mk 3, 13-19 hat Jesus Christus selbst ausschließlich Männer zum Dienst der Verkündigung berufen und als Apostel erwählt. Lassen sich daraus allgemeingültige Anweisungen ableiten, die für die Struktur der Kirche heute maßgeblich sein sollten? Ist nicht vielmehr der gesamtbiblische Kontext in diese Überlegungen einzubeziehen? Wie wird die Relation von Frau und Mann in der Bibel dargestellt und welche Aussagen zum Dienst der Frau in der Gemeinde gibt es außerhalb dieser wenigen Verse?
Diesen Fragen möchte ich im Folgenden nachgehen und mit der Gesamtaussage der Bibel, wie sie sich nach meiner hermeneutischen Sicht darstellt, abgleichen.
Aus der beschriebenen Perikope des Markus-Evangeliums geht hervor, dass 12 Männer zum Dienst der Verkündigung und der Dämonenaustreibung berufen sind. Ist die Tatsache, dass keine Frau erwähnt wird, ein Beleg dafür, dass ausschließlich Männer geeignet sind diese Dienste auszuüben? Um dieser Schlussfolgerung konsequent nachzukommen, wären einzig die hier konkret benannten Personen berufen und überdies kein anderer Mann. Es scheint sich so zu verhalten, dass die Tatsache männlich zu sein, noch keine ausreichende Voraussetzung zur Berufung ist. Bereits im Pentateuch sind nicht Männer im Allgemeinen, sondern lediglich die Nachkommen Aarons zur Priesterschaft berufen. Im Neuen Testament finden sich weitere Kriterien, wie Reinheit, Heiligkeit, Besonnenheit und Ehrbarkeit (vgl. 1. Tim 3, 1-13 und Tit 1, 5-8).
Eine Bewertung dieses Sachverhaltes, ließe die Deutung zu, dass mit der Berufung einer sehr begrenzten Auswahl an männlichen Personen, keine Herabsetzung von Frauen im Allgemeinen verbunden ist. Es handelt sich dabei nur um eines von mehreren Kriterien und spricht nicht gegen eine Gleichstellung. Doch wie stellt sich das Rollenbild von Frau und Mann grundsätzlich im gesamtbiblischen Kontext dar? Gibt es ein Gefälle in der Wertung der Geschlechter?
Im 11. Kapitel des 1. Korintherbriefes stellt der Verfasser eine Ordnung zwischen Gott und den Geschlechtern auf, indem er eine Hierarchie zwischen den Parteien beschreibt. Aus kohärenten Gründen bezieht Gott in seiner Souveränität als Schöpfer den obersten Rang. Jesus Christus in seiner menschlichen Hypostase ist Gott unterstellt. Christus selbst wird nicht nur hier, sondern auch an einigen weiteren neutestamentlichen Stellen bezeichnet als Haupt seines Leibes, der Versammlung aller Gläubigen, Haupt jeden Fürstentums und jeder Gewalt, schließlich als Haupt über alles, somit auch Haupt eines jeden Mannes und einer jeden Frau.
In dieser göttlichen Ordnung wurde der Mann wiederum als Haupt über die Frau gesetzt. Die Frau bezieht den niedrigeren Rang, da sie für und nach dem Mann geschaffen ist. Der Mann ist nach dem Bild Gottes geschaffen, die Frau jedoch nach dem Bild des Mannes. Das in Gen 2, 18 verwendete Wort für „entsprechen“ (eine „Hilfe“ = Frau, die dem Mann „entspricht“) lässt sich aus dem hebräischen Grundtext auch mit „Ebenbild“ übersetzen.
Diese Bestimmung wird auch im 5. Kapitel des Epheserbriefes vertreten. Die Frau wird aufgefordert sich dem Mann unterzuordnen, wie der Mann sich Christus unterordnen soll. Der Verfasser nimmt Bezug auf Gen 2, 24 und vergleicht die Ehe zwischen Mann und Frau mit der Beziehung zwischen Christus und seiner Gemeinde. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch ein Gebot an den Mann ergeht, seine Frau so zu lieben, wie Christus seine Gemeinde liebt. Der Mann trägt also Verantwortung für die Frau, kann aber nicht frei über sie verfügen, sondern ist autorisiert innerhalb dieses Liebesgebotes zu handeln. Die Unterordnung der Frau in dieser Konstitution spricht für mich gegen eine Perspektive der Gleichstellung. Wobei es hier angebracht scheint zwischen Rollenbild und Wertigkeit zu differenzieren. In unserer Kultur wird der Wert von Menschen überwiegend durch das definiert, was der Mensch leistet, über welchen Bildungsgrad, welche Profession und schließlich welches Einkommen er verfügt.
„Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ Demgegenüber macht Gal 3, 28 für mich deutlich, dass es in Bezug auf die Wertigkeit von Mann und Frau keinen Unterschied gibt. In der Beziehung zu Christus, auch eschatologisch, sind beide Geschlechter gleichgestellt. Doch bereits in der Schöpfungsgeschichte nach Gen 1, 27 sind die Menschen divergent geschaffen, als Mann und als Frau, beide nach dem Ebenbild Gottes. Eine Andersartigkeit begründet dagegen noch keinen Anspruch einer Bewertung. Im Umkehrschluss ist Gleichartigkeit zu unterscheiden von Gleichwertigkeit. Doch hier sind noch keine Aussagen zum Dienst der ungleichartigen Geschlechter getroffen.
In 1. Tim 2, 12-14 werden klare Formulierungen gegen die Lehre durch Frauen und zu einem Gefälle im Verhältnis der Geschlechter getroffen. Der Verfasser begründet diese Aussagen mit der Schöpfungsgeschichte und dem Sündenfall. Eva wurde in der Reihenfolge nach Adam geschaffen. Sie wurde durch die Schlange zur Sünde verführt und verleitete ihren Mann es ihr gleich zu tun. Aus diesen Gründen soll es einer Frau nicht gestattet sein zu lehren oder über ihren Mann zu herrschen. Dabei bezieht sich der Verfasser nur auf einzelne Aspekte dieser Narration, um damit seine Argumentation zu stützen. Mutmaßlich formuliert er hier einen allgemeingültigen Anspruch, ist jedoch unwillkürlich durch den kulturellen Kontext seiner eigenen Lebenswelt geprägt und richtet sich an Leser in einer Situation, die durch von Frauen verbreiteten Irrlehren bestimmt ist.[1] Zwischen immerwährenden theologischen Grundgedanken und der kulturellen Hülle sollte unterschieden werden.[2] Lässt sich diese Hülle an aktuelle kulturelle Begebenheiten kontextualisieren, so kann eine inhaltliche Übertragung des Grundgedankens aus meiner Sicht durchaus gelingen.
Unabhängig von der Frage der Verfasserschaft der Timotheus- und Korintherbriefe, wird auch in 1. Kor 14, 34 der Frau geboten im Gottesdienst zu schweigen. Im Widerspruch dazu besagt 1. Kor 11, 5, dass es Frauen durchaus erlaubt ist, im Kontext einer Gemeindeversammlung zu beten und zu weissagen. Bei näherer Betrachtung von 1. Kor 14, 33 scheint es sich eher um ein Instrument zu handeln, das eine Ordnung im Gottesdienst schafft.[3]
Wenn auch in 1. Kor 14, 5 alle Mitglieder der Gemeinde, ohne Ausnahme von Frauen, zur Weissagung aufgefordert werden, kann es sich also nicht um ein universal gültiges Gesetz handeln, das Frauen zum Verstummen bringen soll. Für mich kann demnach weder 1. Tim 2, noch 1. Kor 14 als Nachweis gegen eine Gleichstellung herangezogen werden.
Vielmehr bestätigt der gesamtbiblische Kontext, dass einzelne Frauen nicht nur in die Wirkungsgeschichte Gottes einbezogen sind, sondern auch zentrale Rollen zuteilwerden. An dieser Stelle oft zitierte Charaktere, wie Miriam, die Schwester Moses, oder Deborah, die Richterin, sind dabei für mich weniger von Bedeutung, als die Samaritanerin am Jakobsbrunnen (vgl. Joh 4), der Jesus sich als erstes gegenüber als der Messias offenbarte und die seine Botschaft in ihrem Dorf verkündete. Die Tatsache, dass in dem Text ihr Name nicht erwähnt wird, ist aus meiner Sicht nicht der theologischen Bedeutsamkeit ihrer Person, sondern eher der kulturellen Umstände zur Zeit der Entstehung des Textes geschuldet. Wenn andererseits Evas Sündenfall zum Beleg charakterlicher Eigenschaften von Frauen im Allgemeinen herangezogen wird (wie oben beschrieben ihre in 1. Tim 2 erwähnte Verführbarkeit), sollte doch genauso das Verhalten der Nachfolgerinnen Jesu bei dessen Kreuzigung ins Gewicht fallen. Sie waren es, die ihm treu zur Seite standen, während seine männlichen Nachfolger ihn verließen und sogar verleugneten. Wiederum ist dies für mich ein Beleg der Andersartigkeit der Geschlechter, ohne Aussage zur Wertigkeit.
Was die Berufung zum Dienst angeht, stand für Luther fest, dass Jesus Christus alleine Hohepriester sein kann (vgl. Heb 4,14). Durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und das damit verbundene Heilswirken sind die Gesetzmäßigkeiten der Stiftshütte (vgl. Ex und Lev) aufgehoben (das löst auch die oben beschriebene ausschließliche Berufung der Nachkommen Aarons auf) und der Zugang zum Heiligtum für alle möglich (vgl. Heb 10 und 11), wodurch sich eine Argumentation für das Priestertum aller Gläubigen untermauern lässt. 1 Petr 2, 9 und Offb 5, 9-10 stützen diese Sichtweise: „und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.“
Stelle ich also im Laufe dieser Ausführungen fest, dass Wert und Wesen eines Geschlechtes nicht identische Begriffe sind, scheint die Frage von zentraler Bedeutung zu sein ob im Wesensunterschied, eine Begründung gegen den Dienst von Frauen in der Kirche impliziert ist. Dass die Wertigkeit von Mann und Frau mit der Bibel als konform angesehen werden kann, steht für mich dagegen außer Frage.
Auch wenn Jesus ausschließlich 12 Männer zum Dienst beruft (Mk 3,13-19), wurde er nicht nur von Frauen begleitet, sondern hat ihnen im Rahmen seiner kulturellen Umgebung überdies einen auffallend außergewöhnlichen Stellenwert verschafft. Die Kontextualisierung von 1. Tim 2, 12-14 und 1. Kor 14, 34 lässt mich zu der Schlussfolgerung gelangen, dass der Ausschluss von Frauen am Dienst der Verkündigung in der Gemeinde nicht nur nicht mehr zeitgemäß ist, sondern sich auch nicht mit der Bibel rechtfertigen lässt.
[1] vgl. Haslebacher, Christian: Yes, she can! Die Rolle der Frau in der Gemeinde. Ein bibelfestes Plädoyer, Basel 2016, 198.
[2] vgl. Baum, Armin D.: Die Bibel und ihre schwierigen Stellen. Warum Frauen im Neuen Testament zu schweigen hatten – und ob sie es heute immer noch müssen, in: EiNS. Das Magazin der Evangelischen Allianz 3/2017, 19-21
[3] vgl. Haslebacher, 97-106.